Tier der Woche: Fahrenheit 451

"Die Paviane sind alle mehr oder minder schlechte Kerle, immer wild, zornig, unverschämt, geil, tückisch; ihre Schnauze ist ins gröbste Hundeartige ausgearbeitet, ihr Gesicht entstellt, ihr After das Unverschämteste."

Stadtleben | Peter Iwaniewicz | aus FALTER 46/98 vom 11.11.1998

Nein, übertriebene Tierliebe konnte man ihm wirklich nicht nachsagen. Unvoreingenommenheit auch nicht, denn Alfred Edmund Brehm, Forschungsreisender und Zoodirektor in Hamburg, wußte, wo Gott wohnt: Gleich neben dem Menschen, und dieser war die absolute Krone der Schöpfung. Im Vergleich mit sich und seinesgleichen zeigten sich alle anderen Lebewesen als feige, stumpfgeistig, böswillig, grausam und potthäßlich. Aber das wußte leider noch nicht jeder, und deswegen hielt er sämtliche seiner zahlreichen Vorurteile in einem sechsbändigen Lexikon - dem klassischen "Thierleben" - fest, das 1864 erstmalig erschien. Diese Herausforderung war in ihrer strikten Konsequenz mitunter schwierig, aber Brehm erwies sich als großer Demagoge, von dem jeder wahlkämpfende Politiker noch lernen könnte: "Die Nashörner sind zwar nicht die plumpesten unter den Plumpen, aber doch sehr mißgestaltet." Damit kein falsches Mitleid mit der monströsen Kreatur aufkommt, mußte die Anschuldigung raffiniert erhärtet werden: "Behende Wendungen kann das Nashorn nicht ausführen, und auf den Bergen springt es auch nicht mit der Leichtigkeit einer Gemse herum." Na ja, dann ...

Herzerwärmend waren auch seine "wissenschaftlichen" Versuche. Entweder steuerte er Ergänzungen zur Gravitationstheorie bei ("Mir ist es nie gelungen, eine Katze, welche ich mit dem Rücken nach unten hielt, so zu Fall zu bringen, daß sie mit dem Rücken aufschlug"), oder er projiziert seine eigenen Charaktereigenschaften auf das Testobjekt: Nachdem er eine Kreuzotter "mit vorgesetztem Stock" gereizt hatte, konstatierte er bei dieser "sinnlose Wuth" als Wesensmerkmal und empfiehlt sogleich, allen diesen Schlangen mit einem kräftigen Rutenhieb das Rückgrat zu brechen - wohl ein wahres Beispiel sinnloser Wut.

Am 11. November jährt sich Brehms Todestag zum 114. Mal. Zünden Sie keine Kerze an, nehmen Sie statt dessen doch gleich sein Lexikon.


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