Fernsehen

Medien | Sigrid Neudecker | aus FALTER 47/98 vom 18.11.1998

Ich sehe den Ring an. Gaaaanz genau. Mein rechtes Auge wird warm. Mein linker Arm fällt zu. Langsam sage ich: "Siebenhundertsieben undsechziger Sterlingsilber." Ich bin völlig entspannt. Ich schaue H.O.T. - H.O.T. ist Tantra-TV. Seit ich "Home Order Television" (im Kabel) habe, brauche ich kein autogenes Training mehr. Fünf Minuten von der Schmucksendung, und ich bin im Alpharhythmus. Wenn mir die Dame mit der sorgfältigen Maniküre als Ausrede dafür, mir ihre sorgfältige Maniküre zeigen zu können, Schmuckstücke im Super-Makro-Verfahren hinhält, diese dreht und wendet, damit ich ihre Maniküre von allen Seiten bewundern kann, und mir mit einer Stimme wie der von "Herzblatt"-Susi jedes Detail schildert (des Schmuckstücks, nicht der Maniküre), fällt der Streß des Alltags von mir ab, ich atme ruhig und regelmäßig, mein Puls fällt unter 60. Nur manchmal regt mich H.O.T. auf: Wenn sie rechts oben einblenden, wieviel Stück sie von dem gezeigten Artikel noch haben. Und noch dazu bei jeder telefonischen Bestellung automatisch runterzählen. Dann merke ich plötzlich, daß ich eine neue Maniküre brauche. Sofort.


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