Spielplan

Kultur | K.Cerny / H.Ploebst | aus FALTER 47/98 vom 18.11.1998

Neues Spiel, neues Pech: Es scheint, als käme Herbert Achternbusch auf hiesigen Bühnen nie so recht zu sich. Nach "Tukulti" im Schauspielhaus folgte mit "Der Stiefel und sein Socken" in der Gruppe 80 nun ein weiterer, sagen wir es vorsichtig, Annäherungsversuch. Am besten funktioniert das Stück, wenn Elke Claudius und Alfred Schedl fast nichts tun, nur konzentriert Text sprechen. Sobald sie zu spielen anfangen, wird deutlich, daß Achternbusch für sie ein Marsmensch ist: fremd, durchs Fernrohr beobachtet und grün. Unausgereift wirken die Szenen einer Ehe vor allem deswegen, weil das alte Paar kaum als Paar wahrzunehmen ist.

Als junges Paar fegen Anja Kirchlechner und Steffen Schroeder in Erich Kästners "Pünktchen und Anton" im Akademietheater über die Bühne. Vor der Pause bleibt der Kinderklassiker ein wenig konventionell, danach kommt er richtig gut in Schwung: Berlin in den dreißiger Jahren, dazu die Schlager von damals - etwas harmlos zwar, aber mit dem richtigen Groove.

Das Leben wird gegessen und verbrannt, das Unverdauliche ist auszuscheiden. Wenn der manieristische Maler Jacopo Carrucci, genannt Pontormo, der Welt ein Tagebuch hinterlassen hat, in dem mehr über seine Eß- und Verdauungserfahrungen zu lesen ist, als über seine Kunstwerke, hat das schon Stil. Es ist eine "maniera" der Lebensreflexion. Der Choreograph Bert Gstettner hat sein Tanz*Hotel im WUK mit seiner neuen Arbeit "Il*libro*mio" durch die Därme des Pontormo gezogen. In einer provokanten Parallaxe glückt es dem Choreographen, die "maniera" der eigenen Ästhetik mit der Carruccischen Kompositionsmetaphysik zusammenzuführen: Die Bedeutungspose des Körpers wird zum Signifikanten des Weltverdauungprozesses. Christoff Wiesingers Licht-Raum-Malerei und die Elektro-Tonbauten von Christian Fennesz gehen mit den Körperzeichen Gstettners einen sinnlichen, hintersinnigen Pakt ein. Und das Ensemble verwandelt diesen Pakt in ein beachtliches Stück.


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