Streifenweise

Kultur | aus FALTER 47/98 vom 18.11.1998

Reisebilder. Bahngleise und ein Wartesaal, Aufnahmen von leeren Straßen und Brücken, eine verwilderte Uferbefestigung und weitläufig angelegte Hausdurchgänge, ein Bistro und ein Hotelzimmer, das Postamt und ein Antiquariat. Vor rund zwanzig Jahren schickte die deutsche Filmemacherin Claudia von Alemann eine junge Frau auf "Die Reise nach Lyon" (1978/80). Die Frau ist Historikerin und begibt sich, geleitet von aus dem vorigen Jahrhundert stammenden Tagebuchaufzeichnungen der Frauenrechtlerin Flora Tristan, nach Frankreich.

Tristan ist eine fast vergessene historische Figur, die Materiallage ebenso unbefriedigend wie die herkömmlichen wissenschaftlichen Methoden. Die Frau versucht, auf andere Weise ein Bild zu gewinnen (ihr professoraler Freund ist skeptisch): Spuren zu finden, Wege abzuschreiten und vielleicht eine Atmosphäre zu erahnen.

"Die Reise nach Lyon" ist ein sehr präziser, unsentimentaler Film. Alemann arbeitet mit Direktton, sodaß der Film (neben der Musik aus dem Off) voller (Stadt-)Geräusche ist. Die Befindlichkeit der Hauptperson äußert sich in ganz alltäglichen Situationen, die der Film freilich in sehr genau konstruierten Einstellungsfolgen, häufig in Anschnitten und mitunter in sich wiederholenden Bildern zeigt. Gesprochen wird wenig, die Heldin bleibt eine Außenstehende, die sich nur punktuell mit anderen Personen austauscht.

Reisebilder. Der Blick aus einem fahrenden Zug: "... wie nächtliche Schatten" (1991) handelt von einer anderen Reisenden. Claudia von Alemann selbst kehrt nach Thüringen zurück: "Auch hier macht sich ihr erster Eindruck an Räumen fest: an Türen, Fenstern, Stühlen, an Bildern. Dann kommt sie auf die Menschen zu, unterhält sich mit ihnen, recherchiert neugierig ihre Geschichte" (Klaus Eder). Insgesamt drei Filme von Claudia von Alemann werden in Zusammenarbeit von Coop on Location und dem Institut für Gegenwartskunst am 19. und 20. November im Filmhaus-Kino ge-zeigt. I.R.


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