Standpunkt: Wozu Geschichte?

Politik | aus FALTER 48/98 vom 25.11.1998

Wer geht schon gerne zu Fuß? Man muß verstehen, daß die Abgeordneten im Hohen Haus dies auch nicht gerne tun. Und es ist ohne Zweifel schwierig, sich zur Winterzeit durch Kälte, Eis und Schnee zu quälen. Ob das der entscheidende Grund war, warum das Parlament so auf den Kauf des benachbarten Palais Epstein drängte? Fest steht, das Epstein wird dem Parlament übergeben werden. Ein Sitzungssaal für den Bundesrat sowie Büros für einige Mandatare sollen eingerichtet werden. Das Parlament erteilte sich selbst den Vorzug gegenüber anderen Projekten, die für Österreich nicht ganz so wichtig waren. Ein "Haus der Geschichte" oder ein "Haus der Toleranz" kann ja schließlich überall in der Stadt stehen. (Im dritten Bezirk, in der Rasumovskygasse zum Beispiel, schlug das Parlamentspräsidium zur Güte vor.) Aber ein Parlamentsgebäude? Schließlich sind die Insassen eines solchen per se Geschichte. Führt man das Durchschnittsalter des österreichischen Volksvertreters ins Treffen, handelt es sich dabei oft um sehr viel Geschichte. Und Österreichs Geschichte besteht, wie Andreas Khol so geschmackssicher erkannt hat, "nicht nur aus dem Holocaust". Die Geschichte, die die Parlamentarier repräsentieren, will eben auch geschützt sein. Daher ist es unverantwortlich, sie bei Kälte, Eis und Schnee lange zu Fuß gehen zu lassen. P.V.


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