Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 49/98 vom 02.12.1998

... kamen Hauptereignisse wie die Wahl des Papstes höchstens in Nebensätzen vor, während den Kulturkritikern ausführlich der Kampf angesagt wurde. Lieblingskritiker schon der frühen Jahre: Rudolf John, damals noch Theaterkritiker.

Das Wort Sensation kommt einem auf die Lippen. Man zögert. Man möchte von Wunder sprechen. In unserer skeptischen Zeit?" Und dann, nach einem langen Artikel: "Was bleibt als erster Eindruck? Die Sensation. Das Unglaubliche ..." Das ist nicht John, sondern ein Leitartikel Hermann Stögers zur Wahl des Polenpapstes. John ist kürzer und zugleich genauer, aber auch expressiver und rücksichtsloser im Tempo: "Didi war da. Höchstpersönlich. (...) Sahnt ab." Da spürt man, daß die Zeitwörter eigenlich überflüssig sind und die Substantive nur Staffage für die Johnsche Substanz. "Bravo-Chöre, unbeschreiblicher Jubel, endlose Klatschsalven." Dahinter verbirgt sich die Substanz, ein unartikuliertes Grunzen, die Verzweiflung des Redakteurs vor dem Abgabetermin. "Gemütsrachitis, Walzerseligkeit, manisch depressiv. Weiches Rückgrat ..."

John ist der Patient, und seine Krankheit ist die Kunst. Die Symptome sind Wahrnehmungsunfähigkeit, Zeitwortausfall und Urteilsschwäche.

Was für seine Kritikfähigkeit gilt, hat er selbst so ausgedrückt: "Wenn er operieren muß, dann mit dem Beil. Das handhabt er zwar nicht mehr so kraftvoll wie einst, aber dafür ist es schärfer geschliffen. Schmerzt weniger. Aber dringt tiefer. (...) Seine helle Stimme bohrt wie eine Stahlsonde. Ohne Narkose."

Wer das lesen muß, wird wahnsinnig. Er erwacht aus der Narkose und sieht, wie John mit dem scharfen Beil an ihm herumbohrt wie mit einer Sonde. Aber dringt tiefer. Und transportiert Moral. Und daran zerbrach. Zur unknackbaren Nuß.

Aufhören, winselt der Patient, aber John genießt das. Er beginnt zu singen. "Jeder Song zum Trallala." Der Leser regrediert ins frühkindliche Stadium. John wächst daran, und ohne Milde singt er es ihm vor, sein täglich "Wiegenlied für Geistessäuglinge".


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