Aufgeblättert

Kultur | Iris Buchheim | aus FALTER 51/98 vom 16.12.1998

Praxiteles, der "Virtuose der Marmorhaut", sorgte um 340 v. Chr. auf Knidos für eine Sensation, als er die wohl erste völlig unbekleidete weibliche Götterstatue, die berühmte Knidische Aphrodite, schuf. Der Kunsthistoriker Berthold Hinz läßt diese Sensation in seiner rezeptionsgeschichtlichen Untersuchung "Aphrodite" wieder plastisch aufleben. Mit großem Vergnügen verfolgt er die Passionsgeschichte dieses höchst attraktiven Skandalons bis zu Dürer. Ihre täuschende Echtheit brachte der vollendeten Schönen außergewöhnlichen Ruhm ein, manifest in der Legende vom knidischen Jüngling. Der war so hingerissen von der Göttin, daß er sich eines Nachts sexuell an ihr verging - ein Fleck an der Innenseite ihres Schenkels zeugte fortan von dieser unziemlichen Umarmung. Ganz im Geiste Aby Warburgs bringt Hinz herrlich unverstaubt etliche kulturgeschichtliche Zeugnisse zum Sprechen und zeigt, wie Täuschungspotential und sexuelle Kodierung im Mittelalter zur Vernichtung und Dämonisierung der mimetischen Skulptur führten.

Leichter machte es sich und den späteren die hellenistische Kunst mit ihren Dionysos- und Aphroditebildern, die der Archäologe Paul Zanker als "Eine Kunst für die Sinne" interpretiert. Denn sie rückt, je weiter sie sich vom klassischen Zeitalter entfernt, dem Betrachter nicht lustvoll-bedrohlich auf den Leib, sondern spielt explizit mit ihrem Kunstcharakter, ironisiert Posen und verfremdet mythische Stoffe. Dieses heitere Spiel begreift Zanker nicht als Verfallserscheinung, sondern als bewußte Distanzierungsstrategie, die zunehmend auf Reflexion statt Identifikation zielt.

Berthold Hinz: Aphrodite. Geschichte einer abendländischen Passion. München 1998 (Hanser). 294 S., öS 423,Paul Zanker: Eine Kunst für die Sinne. Zur Bilderwelt des Dionysos und der Aphrodite. Berlin 1998 (Wagenbach).126 S., öS 234,-


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