Tier der Woche: Eine Äregung

Stadtleben | Peter Iwaniewicz | aus FALTER 52/98 vom 23.12.1998

Blicken Sie nicht zurück, das Jahr ist vorbei und verschwindet bereits im Orkus der Geschichte. Die Zukunft heißt 1999 und neue Rechtschreibung. Bereits im nächsten Jahr werden amtliche Texte mit dieser neuen Optik ausgestattet, nur Printmedien zeigen sich verstockt und warten voraussichtlich bis zum 31. Juli 2005, dem Ende der offiziellen Übergangsfrist.

In erster Linie von dieser Umstellung betroffen sind zwei Berufszweige, Lektoren und Tierkolumnisten. Denn offensichtlich hatte die Orthographiereformkommission einen manischen Unterarbeitskreis ins Leben gerufen, der sich ausschließlich mit Tiernamen beschäftigt hat. Ihr besonderer Haß galt vor allem dem Buchstaben "h", was Känguru, Panter, Tunfisch und Delfin zu spüren bekamen. Auch der Rauhhaardackel wurde um sein krauses "h" erleichtert und darf sich in Zukunft dank kruder Logik nur mehr - Achtung Suchbild - Rauhaardackel schreiben.

Was aber steckt hinter der namentlichen Verhunzung der letzten Antilopenart Mitteleuropas? Die Gams soll fürderhin nur noch Gämse sein. Wo soll das alles enden? Beim Gämsenbart? Ein gar schröcklicher, kaum erträglicher Anblick für alle älplerischen Augen und Ohren. Wer seine Seh- und Denkorgane solcherart malträtieren lassen muß, der vermutet hinter diesem Anschlag natürlich Plattdeutsch sprechende Flachlandgermanisten, die zwischen Gemsen und Bremsen keinen wesentlichen Unterschied erkennen können. Unsere Alpenantilope leitet sich vom althochdeutschen Wort "gamiza" ab, weswegen man lauterdings behaupten darf, ja sogar muß, daß der Ausdruck Gams kein sudeliger Slang verschrobener Bergbewohner ist, sonderndie korrekte Bezeichnung für diese Tiere.

Dürfen sensible Seismographen sprachpolitischer Entwicklungen einen Trend zu Umlauten daraus ableiten? Will uns die Sprachverwaltung jene für die deutsche Sprache so typischen Umlaute einbläuen? Ein neues Selbstwertgefühl in Zeiten einheitlicher Eurowährung antragen? Wö söll däs älles änden? Lang lebe die Konrad-Duden-Befreiungsarmee!


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