Bedient: Amtsbehandlung

Politik | Florian Klenk | aus FALTER 52/98 vom 23.12.1998

Anruf am Kommissariat Leopoldstadt. Ein besorgter Wiener befürchtet Schlimmes: "Ausländer haben über mir illegal zwei Wohnungen zusammengelegt und ein Ausländerquartier eingerichtet! Kummts!" Ein Streifenwagen rückt zum Tatort aus. Pumpern an die Tür: "Machen 'S auf, Polizei!" Voller Erfolg: Ein verdächtiges Ausländerkind ist allein zu Haus. Traut sich nicht, die Sicherheitskette zu lösen, blickt durch den Türspalt. Die ausländisch aussehenden Nachbarn (der vermeintlich zusammengelegten Wohnung) kommen nun auch auf den Gang. Ein sehbehinderter Mann, seine Frau und sein Sohn. "Halts die Goschn! Zeigts die Pässe", fordert ein Beamter. Die "Ausländer" zeigen ihre österreichischen Pässe. "Für mich seids ihr trotzdem Ausländer - drittklassige Menschen", sagt der Polizist. Die Beamten betreten die Wohnung, wühlen mit den Worten "Für euch brauch' ma kan Hausdurchsuchungsbefehl!" ein bißchen in den Kästen und Schubladen herum. Die Bewohner protestieren. Geschubse, Gedränge, Gebrüll. Dem Sohn werden am Rücken Handfesseln angelegt, weil er, so die Polizei, "uns schlagen wollte". "Schau dir das Land noch einmal gut an, jetzt kommst du in Schubhaft", soll der Polizist gedroht haben. Fünf Stunden Haft. Eine Polizeijuristin erscheint und verhängt 2000 Schilling Strafe wegen Lärmerregung, Anstandsverletzung und aggressiven Verhaltens gegenüber einem Beamten. Dann wird der Mann enthaftet. Ein illegales Ausländerquartier oder zusammengelegte Wohnungen wurden nicht gefunden. Der Hinweis war leider falsch.

Recht braucht Kolumne. Schreiben Sie an "Falter, Bedient", Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien, Fax 536 60-12, E-Mail: klenk@vienna.at


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