"Walser war wichtig"

Interview: Ein halbes Jahrhundert lang verfolgte Simon Wiesenthal Naziverbrecher auf der ganzen Welt. Heute gilt der 90jährige als moralische Instanz. Wiesenthal über Martin Walsers Rede, Schuldgefühle und die Ehrlichkeit der SPÖ.

Politik | Gerald John | aus FALTER 02/99 vom 13.01.1999

Falter: Martin Walser hat im Zusammenhang mit dem Gedenken an den Holocaust vor einer "Dauerpräsentation unserer Schande" gewarnt. Ist die Warnung berechtigt?

Simon Wiesenthal: Walser hat ausgedrückt, was viele Leute denken. Er hat ausgesprochen, daß vor allem jüngere Deutsche die Diskussion über den Holocaust so empfinden, daß ihnen diese "Schande" ständig vorgeworfen werde. Aber das Nichtvergessen ist sehr wichtig, meine ganze Arbeit beruht darauf. Denn wie können wir sonst eine Wiederholung verhindern? Es hat ja nicht mit Gaskammern und Krematorien begonnen. Zuerst haben die Leute gegen die Juden mit Tinte geschrieben, später wurde daraus Blut. Man muß diese ganze Entwicklung erklären, damit die Menschen sehen können, wohin das führen kann. Deshalb schadet es nicht, wenn von Zeit zu Zeit durch Leute wie Walser oder Klaus von Dohnanyi (ehemaliger Hamburger Bürgermeister, Anm.) an die ganze Sache wieder erinnert wird.

War Walsers Aussage also wichtig?

Ja, sie war unfreiwillig


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