Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 03/99 vom 20.01.1999

... analysierte Erica Fischer unter dem Titel "Gewalt gegen einen Mann" die Reaktionen auf eine feministische Aktion Ein Mann wurde einer unwürdigen Prozedur unterzogen. Er wurde gegen seinen Willen gezwungen, sich vor 23 Frauen zu entkleiden. Er wurde, schlicht gesagt, vergewaltigt, wenngleich sein Genital, entgegen den Praktiken so manchen Mannes, unangetastet blieb. Alles in allem, eine für Frauen nicht ungewöhnliche Situation, für einen Mann aber eine Ungeheuerlichkeit.

Die Wellen des Jubels und der Empörung schlugen hoch - bei beiderlei Geschlecht -, zumal es sich um den Chefredakteur eines linksliberalen Monatsblattes handelte, dessen Gründung vor zwei Jahren die fortschrittliche Öffentlichkeit Österreichs freudig erregte.* Die Reaktionen auf diese erste militante feministische Aktion in Österreich stimmen bedenklich. Da sind zum einen die progressiven bis linken, ansonsten keineswegs besonders frauenfeindlichen Männer - etwa Journalistenkollegen innerhalb und außerhalb Irnbergers Redaktion -, die ihre Schadenfreude unverhohlen zum Ausdruck brachten. Ich kann über diesen unerwarteten Erfolg von dieser Seite nicht recht glücklich werden: Warum freuen sie sich so?

Die zweite Form der Reaktion - bei Männern verlegene Betroffenheit, bei Frauen spontane Begeisterung ohne jeglichen Hintergedanken - erscheint mir doch am ehrlichsten. Eine revanchistische Aktion also? Ja, sicher. Doch das Aufjubeln so vieler keineswegs gewaltsamer, ja, nicht einmal feministischer Frauen zeigt, wie nötig wir es haben, wieviel an Beleidigung und Unterdrückung sich in uns aufgestaut hat. Wir haben das Stillhalteabkommen durchbrochen.

*Das "Extrablatt".


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