BEDIENT: Osim sah Rot

Politik | Florian Klenk | aus FALTER 03/99 vom 20.01.1999

Eine beißend kalte Nacht. Praterstern. Der etwas angeheiterte Herr Osim ("es war scheißkalt") steht an der Kreuzung und schaut links-rechts-links. Die Straße ist frei. Die Ampel rot. Herr Osim kann gehen. Die Ordnungshüter ertappen ihn dabei: "Heast! Wos is! Bleib stehn!" Es passiert Unverschämtes: Herr Osim geht weiter. "Was geschah dann?" fragt die Richterin. "Wir informierten den Herrn über seine Rechte und sagten, daß wir ihn nach § 35 Verwaltungsstrafgesetz festnehmen können, wenn er uns keinen Ausweis zeigt", erklärt der lässig im Zeugenstand lümmelnde Inspektor. "Haben Sie das wirklich so deutlich gesagt?", wundert sich die junge Richterin. Stille. "Na sicher!" Doch Herr Osim, ein höflicher Mann, entschuldigte sich - "tuat ma lad, es is koit" - und ignorierte die amtshandelnden Polizisten. "Er hat sein strafbares Verhalten fortgesetzt und plötzlich mit der linken Hand auf uns eingeschlagen", sagt der Ordnungshüter. "Hat er Sie getroffen?" fragt die Richterin. "Äh, nein", stottert der Polizist. "Ich bin Rechtshänder", ärgert sich Herr Osim, ein kräftiger Mann, "wenn ich ihm eine auflegen will, dann schau ma anders aus!" Herr Osim wird vor seiner Haustüre mit Handschellen gefesselt, laut eigenen Angaben mit dem Kopf mehrmals gegen die Kühlerhaube des Polizeiautos geschlagen und für mehrere Stunden in den Arrest abgeführt. Der Amtsarzt bestätigt Verletzungen. Auf der Fahrt zum Kommissariat grübeln die Beamten, während sie Osim - zur Ruhigstellung - den Finger in den Hals drücken: "Zeig' ma'n an wegen Widerstand!" "Ein bisserl eigenartig ist das schon", wundert sich die Richterin und spricht Herrn Osim frei.

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