Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 04/99 vom 27.01.1999

... druckten wir einen von vielen Leserbriefen als Echo auf die feministische Aktion im "Extrablatt".

Liebe Erica Fischer!

Es liegt mir nichts ferner, als die fortschrittliche Frauenbewegung zu verdammen. Es liegt mir auch nichts ferner, als einen harmlosen Scherz zu verdammen. Doch glaube ich, daß man schon ein paar Worte zur Aktion an Harald Irnberger verlieren müßte. Du schreibst in deinen Bemerkungen zu dieser "glorreichen Frauenbefreiungsaktion", daß Irnberger durch die Abbildung von nackten Mädchen das Extrablatt aus den roten Zahlen holen will. Dazu kann ich nur bemerken, daß ich dich für dumm halten muß. Oder wie würdest du reagieren, wenn ein fortschrittlicher Regisseur in einem Film über, zum Beispiel, Chile die Gewalt und Brutalität zeigt, wie sie ist, und er dann von den Kritikern als Faschist oder Verräter der antifaschistischen Solidarität oder übler Geschäftemacher bezeichnet wird. Das wäre doch sehr seicht und oberflächlich. Daher bin ich zu dem Schluß gekommen, daß du, nachdem du das Extrablatt als Feind der Frauenbewegung bezeichnest, nie bis ins Blattinnere vorgedrungen sein kannst. Wenn du glaubst, daß ihr in den eigenen Reihen wüten müßt, weil hier mehr reflektiert wird und den eigentlichen Feind (Lingens, Dichand) ohne Kommentar schalten und walten laßt, weil ein Angriff auf den mit Schwierigkeiten verbunden ist, dann frage ich dich, wer hier eine Sache verrät. Ich bin ein Verfechter der Sache der Frauen, jedoch bin ich nicht bereit, gegen zwei Fronten zu kämpfen, nämlich gegen die herrschende Klasse und gegen die Frauen in den eigenen Reihen, die das Patriarchat in ein Matriarchat umdrehen wollen. Ich möchte sogar weitergehen und feststellen, daß ich eine Sache dann nicht mehr unterstützen kann, wenn sie von ein paar Beteiligten ins sektiererische Eck gedrängt wird. Martin, Herzogenburg


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