Standpunkt: Der Sündenbock

Politik | aus FALTER 04/99 vom 27.01.1999

Maria Rauch-Kallat tat es am 14. Jänner. Wolfgang Schüssel tat es vier Tage später. Und Viktor Klima tut es pausenlos: das Arbeitsmarktservice (AMS) für die hohen Arbeitslosenzahlen in Wien verantwortlich machen. Das AMS schaffe es nicht, so der Tenor, Arbeitslosen die offenen Stellen - in Wien rund 40.000 pro Jahr - zu vermitteln. Ein Schweizer Consulting-Institut widerlegte nun die Regierung: Das Wiener AMS vermittle Arbeitslose im Österreich-Vergleich sogar überdurchschnittlich erfolgreich. Allerdings sollte es gar keiner wissenschaftlichen Analyse bedürfen, um die Milchmädchenrechnung, daß offene Stellen einfach mit Arbeitslosen aufgefüllt werden könnten, als groben Unfug zu entlarven. Gut, in der Computerbranche etwa werden Fachkräfte gesucht. Den 150 Volvo-Arbeitern, die vor der Entlassung stehen, wird das allerdings wenig nützen. Die strukturellen Probleme liegen viel tiefer, als daß sie das AMS lösen könnte: Aufnahmestopp und Undurchlässigkeit im öffentlichen Dienst, der Druck von Pendlern aus dem Umland und vor allem sinkende Beschäftigungszahlen in den neunziger Jahren. Schwer genug, diese Defizite mit klassischer Politik zu beheben. Wenigstens sollte die Regierung aber bereit sein, die Probleme zu erkennen. Auch wenn ihr dann der Sündenbock abhanden kommt. G.J.


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