Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 05/99 vom 03.02.1999

... setzte sich die Redaktion mit einem Leitartikel des damaligen "profil"-Herausgebers Peter Michael Lingens auseinander.

Ist Diktatur relativierbar?

9. Jänner 79. Während immer noch Schah-Gegner von Soldaten auf der Straße zusammengeschossen werden oder in den Folterkammern der SAVAK sterben, schaut profil-Herausgeber P.M. Lingens seinen Lesern wie gewohnt mit nüchtern abwägender Kieferhaltung ins Auge und stellt die Frage der Woche: "Ist Diktatur relativierbar?" Genauer: er stellt sie in den Raum und macht daraus einen Leitartikel über den Schah und Persiens Zukunft.

Prüfend schweift sein sorgenschwangerer Blick über die Massendemonstrationen in Teheran, Rezas eingefallene Wangen und die Ölfelder. "Ich fürchte", murmelt er in seine Schreibmaschine, "dieser Umbruch wird sehr bald seinen demokratischen Charakter verlieren (...): Das Regime, das den Schah in Persien ersetzt (wenn es nicht doch wieder sein eigenes ist), wird in Bälde ebenfalls zur Diktatur ausarten. Wahrscheinlich wird es eine schlimmere Diktatur sein: wahrscheinlich eine, die wirtschaftlich schlechter funktioniert." Merke: Es gibt Diktaturen und Diktaturen - "besonnene" und "weniger besonnene". Lingenssche Relativitätstheorie: Konzentrationslager plus Autobahn sind besser als KZ ohne Autobahn. Der Schah ist ein Besonnen-Kaiser. Krone des Orakels: "Es liegt einige Tragik im Schicksal eines Mannes, der einem Umbruch zum Opfer fällt, den er durch seine Wirtschaftspolitik, seine Schulpolitik und nicht zuletzt seine Liberalisierungsversuche erst ermöglicht hat."

Die Opfer danken.

Ist Lingens relativierbar?


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