Presseschau

Medien | Sigrid Neudecker | aus FALTER 05/99 vom 03.02.1999

Die Welt ist aus den Fugen. Das Ende ist nah. Der Satz hat gefehlt. Der Schwesternlieblingssatz. Der Satz, der in allen Artikeln über weggelegte Kleinkinder vorzukommen hat: "Philipp ist der Liebling aller Schwestern / erklärter Liebling aller Schwestern / hat sich in kürzester Zeit zum Liebling aller Schwestern entwickelt." Was aber schrieb der Kurier zum neuesten Findelkind? "Dafür schloß die Spitalsbelegschaft den kleinen Findling, der zu seinem Schicksal leider selbst noch nichts sagen kann, sofort ins Herz." INS HERZ SCHLIESSEN? Findelkinder haben Schwesternlieblinge zu werden, Philipp zu heißen und massenhaft adoptionswillige Eltern zum Hörer greifen zu lassen. Und sonst nichts.

Wozu gab uns die künstliche Intelligenz den Textbaustein, wenn dann plötzlich ins Herz geschlossen wird? Soll es noch so weit kommen, daß tv-media auf einmal verheiratet statt einander ehelich verbunden schreibt? Daß in News kaufen statt käuflich erwerben steht? Daß Angelika Hager hat ihn verlassen statt hat ihm den Geh-Punkt erteilt tippt? Auf irgendwas im Leben muß man sich schließlich verlassen können.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige