Der Leidensgenosse

Thomas Bernhard Rudolf Brändle lernte Bernhard in der Lungenheilanstalt Grafenhof kennen und war mit dem Dichter bis zu dessen Tod befreundet. Jetzt hat er seine Erinnerungen veröffentlicht.

Tobias Heyl | Kultur | aus FALTER 06/99 vom 10.02.1999

Hinter den Mauern seines Vierkanthofs in Ohlsdorf der Welt scheinbar abhanden gekommen, verstand es Thomas Bernhard vorzüglich, allerlei Spekulationen über seine Person und sein Privatleben zu wecken. Als nach seinem Tod einige Freunde und Wegbegleiter ihre Erinnerungen an die Öffentlichkeit brachten, sah sich enttäuscht, wer spektakuläre Enthüllungen erwartet hatte: Hinter der Fassade des zornigen Meisters kam ein vielleicht etwas verkauzter, aber insgesamt doch recht freundlicher Mensch zum Vorschein, im Umgang sicher nicht immer ganz einfach, aber eben doch alles andere als ein literarischer Dämon.

Nun liegt zum zehnten Todestag ein weiteres Erinnerungsbuch vor. Den Autor kennen Bernhards Leser aus der "Kälte": Es ist jener zehn Jahre ältere Leidensgenosse, den er in der Kapelle der Lungenheilstätte Grafenhof über ein Thema von Bach improvisieren hörte und mit dem ihn bis ans Ende seines Lebens eine "Zeugenfreundschaft" verband. Dieser Freund heißt Rudolf Brändle, stand

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