Unbekannter Bernhard - Der Butterbrotschmierer

Kultur | Antonio Fian | aus FALTER 06/99 vom 10.02.1999

Ist das Geborensein widerwärtig, Moretti, sagte ich, so ist doch das Wiedergeborensein noch widerwärtiger, zwingt einen das Geborensein nur, die eigene Lebenshölle als man selbst zu durchschreiten, so das Wiedergeborensein, sowohl die eigene Lebenshölle als ein anderer als auch die Lebenshölle des anderen als man selbst durchschreiten, das Wiedergeborensein, Moretti, sagte ich, ist eine durch und durch niederträchtige Gottesperfidie. Aber das normale Wiedergeborensein, Moretti, sagte ich, hätte ich ertragen, das normale Als-Irgendeiner-Wiedergeborensein ist nichts, ist lächerlich, wenn man als Gabriel Barylli wiedergeboren worden ist, das Als-Gabriel-Barylli-Wiedergeborensein ist die Hölle. In all den Jahren, Moretti, sagte ich, seit ich als Gabriel Barylli wiedergeboren worden bin und dadurch naturgemäß seinen Butterbrotschmierereien und sonstigen sogenannten künstlerischen Aktivitäten ununterbrochen als ich beiwohnen muß, habe ich keinen anderen Gedanken gehabt als den, mich umzubringen, und ich hätte diesen Gedanken, sagte ich, mit Sicherheit längst in die Tat umgesetzt, müßte ich nicht befürchten, in diesem Fall, weil ich dadurch naturgemäß Gabriel Barylli mitumgebracht hätte, bestraft und noch einmal wiedergeboren zu werden, aber diesmal, Moretti, sagte ich, nicht als Gabriel Barylli, sondern als Robert Schneider oder Alfred Dorfer.

(Aus: Thomas Bernhard: "Der Butterbrotschmierer - Prosa 1990-1998", Suhrkamp 1999.)


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