Vor 20 jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 07/99 vom 17.02.1999

Februar 79: Der Prozeß gegen die Palmers-Entführer stand bevor. Die Szene diskutierte den Überfall von Feministinnen auf den "Extrablatt"-Herausgeber Irnberger und redete über eine linke Tageszeitung; "taz" sollte das Projekt heißen. Im "Falter" litten wir öffentlich unter unseren Druckfehlern und versuchten, sie zu erklären.

Der Druckfehler entsteht nicht mehr beim Setzen von Lettern, sondern beim Tippen in eine elektrische Schreibmaschine. Er ist kein Fehler des Druckers, sondern eine Folge des Zeitdrucks. Der Zufall "Druckfehler" ist die Spur, die das hilflose Aufeinandertreffen von Phantasie und Produktion hinterläßt. "Die quantifizierende Zeit des Produktionsprozesses, in der es nur linear verlaufende Zeitspannen gibt, die zweckbestimmt miteinander verknüpft sind, ist generell phantasiefeindlich. Gerade sie ist aber hilflos gegenüber dem besonderen Zeitmechanismus, der ,Zeitmarke' (Freud) der Phantasie" (Negt/ Kluge). Mangelnde Sorgfalt ist die subjektive Seite der Ohnmacht, insofern ist bei uns der Druckfehler verräterisch. Je unähnlicher die Zeitschrift unseren Wünschen wird, je kleiner unsere Lust an ihr, desto größer wird die uneingestandene Lust, sie zu zerstören. Die Produktivität des Druckfehlers ist hier nicht bloß schief, sie schlägt um in Destruktivität. Wo der Wunsch, eine Zeitung zu machen, die unseren Möglichkeiten entspricht, der schlechten Realität dieser Zeitung ansichtig wird, entsteht ein Kurzschluß, dessen Funke der Druckfehler und dessen Folge der Ausfall von Sinn ist. Koketterie zu unterstellen, greift zu kurz, weil Zorn und Leid der betreffenden Betroffenen nicht erfaßt werden und weil die Unfähigkeit zur Selbstbestimmung nicht als kecke Mißachtung von Sachzwängen, sondern als Kapitulation des Subjekts vor den Tücken des Objekts empfunden werden muß.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige