Fatal irrational/Wolfensohn & Weltbank: "Putting People First"

Politik | aus FALTER 07/99 vom 17.02.1999

Viele Botschaften des James D. Wolfensohn zur Entwicklungspolitik könnten genausogut von der Caritas oder der UNICEF stammen. "Wir müssen mehr über den menschlichen Faktor sprechen", sagt er, oder: "Es wird zuviel Augenmerk auf nackte Wirtschaftsdaten gelegt." Solche Töne waren bisher ungewöhnlich für einen Präsidenten der Weltbank. Die 1944 im Zuge des Wiederaufbaus gegründete Institution versucht mit Krediten und Projekten in Bereichen wie Bildung, Verkehr oder Versorgung die Entwicklung in rückständigen Ländern zu fördern. Jahrelang war die Weltbank für beinharte Budget-Konsolidierungsprogramme verschrien, die als Bedingung an Kreditzusagen gekoppelt wurden. Von diesen Roßkuren profitierten zwar "Wirtschaftswunder"-Länder wie Chile und die mittlerweile in die Krise getrudelten Tigerstaaten in Süd-ostasien. Viele afrikanische Staaten litten hingegen unter tiefen Einschnitten in ihren Sozial- und Bildungssystemen, da Subventionen gekürzt werden mußten. In den neunziger Jahren registrieren Beobachter allerdings eine gewisse Trendwende in der Weltbank-Politik. "Die Weltbank forciert nun mehr konkrete Projekte, zum Beispiel im Bildungs- und Umweltbereich", analysiert der Politologe Otmar Höll: "Auch die Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen wird verstärkt." Eine Entwicklung, die auch mit Wolfensohn, seit 1995 Präsident der Weltbank, zusammenhängt. Dessen Credo: "Putting People First." J. Hans Pichler, Professor an der Wiener Wirtschaftsuniversität und selbst zehn Jahre in der Weltbank beschäftigt, hält den Slogan des Präsidenten für glaubwürdig: "Mit seiner ganzheitlichen Strategie unterscheidet sich Wolfensohn vom technokratischen Zugang seiner Vorgänger." Für Banker eher ungewöhnlich ist auch sein Hobby: Wolfensohn spielt hervorragend Cello. G.J.


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