Am Ball bleiben

Ballnacht Am letzten Donnerstag im Wiener Fasching ist längst nicht mehr nur die Staatsoper Mittelpunkt des Ballgeschehens. Einige halten die Anti-Opernbälle sogar für viel lustiger.

Stadtleben | Thomas Rottenberg und Sigrid Neudecker | aus FALTER 07/99 vom 17.02.1999

Manchmal müssen auch Dogmatiker pragmatisch agieren. Zum Beispiel, wenn es schneit und die Revolution mangels Teilnehmern eher nicht stattfinden wird. "Wir sind auf alle Fälle um sieben beim Cafe Museum. Wenn das Wetter zu schlecht ist, demonstrieren wir eben im Cafe", hatte ein Sprecher der "Dogmatischen Front" vor Beginn des Rummels am Ring verkündet.

Immerhin: 15 Demonstranten, ein Sprecher und ein Fahrer manifestierten kraftvoll und mächtig den Protest der arbeitenden Massen gegen das "widerwärtige Zurschaustellen von Reichtum und Prunk, während andere frieren".

Am Opferball dagegen herrschte reges Treiben. Eine halbe Stunde vor Mitternacht war die Akademie der bildenden Künste bereits vollständig vernebelt und polizeilich gesperrt: zu viele zahlende Besucher drinnen - und immer noch zu viele Obdachlose draußen.

Lockerer besucht, dafür lustiger besetzt war der Ball des schlechten Geschmack's. Rene Thaler sang, Franz Fuchs war allgegenwärtig, und Publikum hatte - wenn schon keinen schlechten Geschmack - ausreichend Spaß.

Der Ansturm beim Mauerblümchenball verlief witterungsbedingt nicht ganz so gewaltig wie in den letzten vier Jahren. Fad war es in der Blue Box deswegen noch lange nicht. Einzig jene Zeitgenossen, die sich zu bunt und schrill als Mauerblümchen verkleidet hatten, mußten vor dem Eingang zum Lokal ablegen. Punkt Mitternacht sang Fräulein Stulle ihre Version von Robbie Williams' "Let Me Entertain You". Schön zu sehen, daß die ehemalige DDR-Turnerin in Wien auch schon richtige Fans hat.

Auch am Rosenball war das Gedränge nicht so unerträglich wie in früheren Jahren. Der Schnee, der Schnee. Conny de Beauclaire stand im Frack an der Tür und schaute noch strenger als sonst. Drinnen herrschte wie stets das Motto "dramatisch", das mit voranschreitender Uhrzeit sukzessive in "ekstatisch" umschlug.


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