Comandantina Dusilova: Leidvolle Teilgassen

Stadtleben | aus FALTER 08/99 vom 24.02.1999

Ich war auf alle Eventualitäten vorbereitet: Im Internet hatte ich die Homepage der Wiener Linien aufgerufen, meinen reisetechnischen Nullpunkt und die gewünschte Zieldestination eingetippt und mir nicht weniger als fünf kommode Anreiserouten in die Zuckerkandlgasse ausdrucken lassen. Die Zuckerkandlgasse, brandneue Wirkungsstätte meiner Psychotherapeutin, an deren Ende sich eine Baustelle befände, darin ein Neubau und im Haus 3 desselben die neue Praxis meiner Befindlichkeitsdiagnostikerin. Allein, am Ziel meiner Reise angekommen, ließ sich weder ein Neubau noch eine Baustelle und auch kein Haus mit der Nummer drei finden. 45 Minuten irrte ich durch den 19. Bezirk. Auf der Suche nach der anderen Zuckerkandlgasse. Dort angekommen, blieben genau neun teure Minuten, die ich dazu nutzte, meiner Seelenhygienikerin mitzuteilen, daß im Nichtfinden der richtigen Zuckerkandlgasse die Verdrängung der Erkenntnis läge, daß ich nicht mehr gewillt wäre, ihre Hilfe weiter in Anspruch zu nehmen. Wie jede gute Tyrannopeutin gab sie zu verstehen, daß sie meine Beweggründe schon aus Prinzip nicht verstünde, bot mir aber immerhin an, das Nichtfinden der Zuckerkandlgasse im Rahmen der Therapie zu erarbeiten. Auf Wiedersehen, sagte ich und meinte ein anderes Wiedersehen.


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