Standpunkt: Der Name der Rose

Politik | aus FALTER 09/99 vom 03.03.1999

Die Rolle des dicken, bösen Inquisitors ist längst vergeben. Ebenso die des frömmelnden und verschrobenen Ordensmannes, dessen Verhältnis zu den Chorknaben nicht so ganz geklärt ist. Jetzt ist auch der Part des scheinheiligen Kardinals mit dem ewig sanften Lächeln besetzt. Die Szene, wie Kardinal Christoph Schönborn nächtens seinem Generalvikar Helmut Schüller verstohlen einen geheimnisvollen Brief vors Gemach legt, hätte Umberto Ecos Klosterkrimi "Der Name der Rose" alle Ehre gemacht. Schüller weiß immer noch nicht, warum ihm Schönborn den Weisel gab. Vielleicht wegen einer Weisung aus Rom. Auf jeden Fall war Schüller aber auch dem Kardinal selbst - oder für dessen Karriere - zu fortschrittlich. "Der Jugend sind wir heute schon zu zeitgeistig", sagte Schönborn nach der Ablöse. Schönborn ist wohl nicht nur inhaltlich - wo bleiben echte Zugeständnisse ans Kirchenvolksbegehren? - weniger weit von Krenn entfernt, als sich progressive Christen gerne vormachen, sondern auch in puncto Stil. Peinlich, daß ausgerechnet der Kardinal des "Dialogs" die seit Jahrzehnten fatalste Schwäche der Kirche verkörpert: die Unfähigkeit, selbst in Zeiten der Demokratie, Konflikte auszudiskutieren. Ab in den Beichtstuhl, Absolution und dann dreimal Ave-Maria war immer schon einfacher. Oder Briefe schreiben. G. J.


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