Standpunkt: Methode Einzelfall

Politik | aus FALTER 11/99 vom 17.03.1999

Baris Keles wird nach Österreich zurückkommen. Das ist gut. Der 18jährige Wiener war - der Falter berichtete - aus seiner Heimatstadt Wien in die Türkei abgeschoben worden, weil ein Verwandter es vor Jahren verabsäumt hatte, für Baris fristgerecht um eine Aufenthaltsgenehmigung anzusuchen. Baris verdankt die Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren dem Umstand, der Präzedenzfall für "papierlose Jugendliche" zu sein: Medien und Politik freuen sich immer, mit Einzelfällen schöne Geschichten - und Erfolge - produzieren zu können. Denn Baris bekommt sein Visum für einen "Privataufenthalt". Gut für den Jugendlichen, aber in Wahrheit eine Augenauswischerei: Baris Keles ist kein Einzelfall, seine Betreuer können aus dem Stand 50 Jugendliche aufzählen, denen ein ähnliches Schicksal droht wie dem 18jährigen. Doch über eine umfassende, generelle Lösung des Problemes der "sans papiers" wagt sich in Österreich kein Politiker. Statt dessen wird wohl noch der eine oder andere Einzelfall applausträchtig gelöst werden - und wenn das Interesse der Öffentlichkeit erlahmt ist, hält "business as usual" wieder Einzug. Eigentlich eine Schande. Baris' Betreuern kann man das aber nicht vorwerfen: Mit Alles-oder-nichts-Standpunkten hätten sie nicht einmal einem von 50 helfen können. T.R.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige