Miles als Metapher

Musik: Auf ihrem neuen Album "Travelling Miles" stößt die Sängerin Cassandra Wilson in "unerforschte Regionen" der Musik von Miles Davis vor.

Samir H.Köck | Kultur | aus FALTER 12/99 vom 24.03.1999

Cassandra Wilsons Stimme braucht weder vertrackte BeBop-Phrasen noch extreme Dehnungen, um sich Raum zu schaffen. Ihr erotischer Alt bezieht seine Magie vielmehr aus seinem klangbefrachteten Pneuma, und wenn sie mit Leerstellen arbeitet, bekommt die Stille eine unglaubliche Sogwirkung. Doch auf die Frage, ob sie tatsächlich ihr Herz auf der Zunge trägt, gibt sich Wilson im Gespräch mit dem Falter esoterisch: "Was während des Singens passiert, kann ich beim besten Willen nicht beschreiben. Es ist eine Art spiritueller Energieaustausch, der sich innerhalb meiner Stimme abspielt."

Aufgewachsen im Deltagebiet des Mississippi, ist Wilson von Kindheit an mit allen Formen amerikanischer Popularmusik zwischen Soul und Jazz, Blues und Folk gleichermaßen vertraut. Klassen-, rassen- oder genrespezifisches Kästchendenken sind ihr ein Greuel: "Es langweilt mich, immer wieder mit Fragen konfrontiert zu werden, wie ich denn als schwarze Sängerin weiße Kollegen wie Joni Mitchell oder Van Morrison

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