Bedient: Zelle 304 E

Politik | Florian Klenk | aus FALTER 15/99 vom 14.04.1999

Zweimal pro Woche duschen, einmal täglich für eine Stunde zum Spaziergang ins Freie. Ein paar Minuten Besuchszeit. Normaler Schubhaftvollzug. Schlimmer als Strafvollzug. Österreicher trifft's keinen. Also stört's auch keinen. Lasoued A. schon. Marokkaner, 28, keine Vorstrafe, kein Visum. Daher Schubhaft. Zelle 304 E. Seit 30 Tagen im Hungerstreik. Gelbe Augen, 18 Kilo weniger, Leberstörungen, Nierenfehlfunktionen. Er wird täglich einem Amtsarzt vorgeführt. Der wiegt ihn ab, schaut ihm in den Mund und mißt den Blutdruck. Wenn der Häftling genug abgenommen hat, läßt ihn die Gefängnisverwaltung frei. Alles nach Vorschrift. Bis eine Ärztin kommt, die nicht Amtsärztin ist. Ferdinande Birksteiner ist Fachärztin am SMZ Ost und hat Lasoued besucht. "Ein Wahnsinn, der braucht sofort fachärztliche Betreuung." "Braucht er nicht", sagt der Polizist, "weil unsere Ärzte arbeiten ja net in da Künetten." Dr. Birksteiner versucht den Häftling vorvergangenen Sonntag zu besuchen. Läutet an der Gegensprechanlage. "Wann lassen Sie den Mann raus, der bekommt einen Nierenschaden?" Gegensprechanlage: "Wir lassen die Hungerstreiker erst ausse, wann's sterben." Eine Woche später. Ärztin: "Wollen Sie, daß der Mann stirbt?" Gegensprechanlage: "I hab' ka Problem damit." Die Fremden, verspricht Gefängnisleiter Walter Artinger, "werden versorgt". Die zynische Bemerkung der Beamten? "Des is Behauptungssache, i war net dabei." Vergangene Woche begann der Kiefer des Häftlings zu bluten. "Erste Anzeichen einer schweren Leberstörung", warnt die Ärztin, "die Nieren gehen langsam ex." Wart ma, bis er stirbt?

Recht braucht Kolumne. Schreiben Sie an "Falter, Bedient", Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien, Fax 536 60-12, E-Mail: klenk@vienna.at


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige