Streifenweise

Kultur | aus FALTER 15/99 vom 14.04.1999

Das Stichwort heißt Lebensraum, und damit ist im ersten Film die kolumbianische Hauptstadt Bogota gemeint. Die mit der Delogierung bedrohten Bewohner eines Mietshauses entwickeln gemäß der "Strategie der Schnecke" eine Form des Widerstands, die auf der langsamen, kaum merklichen kompletten Verlegung der Unterkünfte und dem solidarischen Zusammenhalt der gesamten Mieterschaft beruht. Der Film von Sergio Cabrera ist eine komische Parabel, bleibt trotz gewaltiger Bewegungen und listiger Neubewertung von Geschwindigkeit etwas statisch.

Soweit die Großstadt. Und was hat das Land zu bieten? "Der amerikanische Neffe" bietet zum einen den Mikrokosmos Dorfgemeinschaft, zum anderen das berüchtigte "Lokalkolorit", das sich in atmosphärischen Lichtstimmungen, "authentischer" Sprache und Musikbeiträgen (Folk bis Neo-Folk) artikulieren soll. Eugene Bradys Film spielt in Irland. Ein knorriger Bauer wird mit der Ankunft des Titelhelden konfrontiert, der - culture clash, Überraschung! - einen schwarzen Vater hatte. Alle Figuren (schweigsame Männer, neugierige Frauen, vorwitzige Kinder) sind in der Folge damit beschäftigt, vergangene Familienstreitigkeiten und jene "Geheimnisse" aufzuarbeiten, die jeder vife Zuschauer nach der ersten Viertelstunde enträtselt hat. Sam Fullers Forderung, wonach jeder Film zumindest eine kleine neue Erfahrung ermöglichen sollte, wird von diesem harmlosen und belanglosen Film nicht erfüllt.

Kommen wir also aus dem Irischen zum Dorf in Weißrußland, von der Fiktion zu einem realen Lebensraum: Der japanische Fotograf Seiichi Motohashi hat über Jahre hinweg die verbliebenen Bewohner in den seit dem Reaktorunfall von Tschernobyl verseuchten Landstrichen fotografiert und ihre Lebensumstände in seiner Dokumentation "Nadja's Village" festgehalten. Seine Annäherung von außen führt er mit der Perspektive der achtjährigen Nadja zusammen, die im Ausnahmezustand geboren und aufgewachsen ist. Zu sehen nur am Mittwoch im Filmhaus Stöbergasse (21.4., 20 Uhr). I. R.


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