Kunst Kurz

Kultur | Vitus H.Weh | aus FALTER 15/99 vom 14.04.1999

Ein neuer Schocker ist auf dem Markt: "Das Guggenheim Prinzip". Wenn man den von Frankfurts ehemaligem Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann herausgegebenen Sammelband liest, bekommt man noch im nachhinein eine Gänsehaut: Nicht viel hätte ja gefehlt, und auch Wien oder Salzburg zappelten heute im Netz des internationalen Franchiseunternehmens Guggenheim. Die New Yorker Verleihfirma für moderne Kunst kommt in Hoffmanns Buch nicht gut weg. Besonders der Kunsthistoriker Friedrich Meschede analysiert sehr drastisch, wie Guggenheims gewinnorientiertes, weltweites Verschieben von Depotbeständen dem bisherigen Selbstverständnis aller Kunstmuseen widerspricht: "Das Guggenheim Prinzip (...) verhält sich zur europäischen Ausstellungskultur wie Imperialismus zum Urchristentum." Meschede geht so weit, die monopolisierende und aggressive Vermarktung des Rohstoffs Kunst als völkerrechtlichen Verstoß gegen die Haager Konvention vom 14. Mai 1954 zu brandmarken. Dieser Übereinkunft (von den USA nie unterzeichnet) folgend, ist Kultur bestimmt vom Charakter einer Gütergemeinschaft, zu der alle Menschen gleichwertig beisteuern. Guggenheim hingegen vermarktet über sein Filialsystem nur die Werke weniger, meist amerikanischer Künstler und negiert lokale Traditionen.

Dieses Gebahren widerspricht auch den Statuten des Internationalen Museumsrats, die ein Museum definieren "als eine nicht gewinnorientierte ständige Einrichtung, die der Gesellschaft und ihrer Entwicklung dient (...)". Doch auch hierzulande wird das "ökonomische Prinzip" mehr und mehr zum zentralen Existenzkonzept der Ausstellungshäuser. Man könnte die Diskussionsbeiträge aus Hoffmanns Buch durchaus zum Anlaß nehmen, sich einmal über die zukünftigen inhaltlichen Ziele der eigenen Museen Gedanken zu machen. Apropos: In Wien entsteht gerade ein neues Museumsquartier.

Hilmar Hoffmann (Hg.): "Das Guggenheim Prinzip". Köln 1999 (DuMont). 169 S., öS 248,


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