Standpunkt: Verkehrte Tradition

Politik | aus FALTER 18/99 vom 05.05.1999

Es war ein herzzerreißender Anblick: Mit Trauerflor und im Schleichtempo quälte sich so manche Bim am Vormittag des ersten Mai durch die menschenleeren Straßen der Stadt. Höchstens mürrisch erwiderten die Fahrer das "Guten Morgen" der Fahrgäste. Kein Wunder: Jeder Zusteigende war ein Verräter an der Sache der arbeitenden Bevölkerung. "Das ist ein Stich ins Herz" und "Mein Vater hat 1934 dafür gekämpft, daß die Rechte der Arbeiter gewahrt bleiben", klagten geschichtsbewußte Straßenbahner in Wiens größter Bim-Remise über das Ende einer der letzten Traditionen des Roten Wien, bevor sie sich ins Joch des Kapitalismus fügten: Zum ersten Mal mußten die Wiener Linien auch am Vormittag des ersten Mai fahren. Per Mehrheitsbeschluß vom Gemeinderat abgesegnet. Eine Schmach - und ein Fehler, wie Straßenbahner und Bürgermeister meinen. Stimmt: Wien begibt sich eines tollen Tourismus-Assets: Wo auf der Welt kann man noch gelebtes Klassenbewußtsein bildhaft erleben, Massen bewegt und Räder ( "wenn dein starker Arm es will ..." ) stillstehen sehen? Daß der Bürgermeister sich für die Wiederstillegung der Öffis am ersten Mai einsetzen will, ist deshalb auch als Wiederzuwendung der SPÖ zu sozialdemokratischen Ur-Themen zu werten. Die Absolute ist der Partei damit sicher. T. R.


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