Bedient: "Scheiß-Jude!"

Politik | Florian Klenk | aus FALTER 18/99 vom 05.05.1999

Herr F. arbeitet als Rabbiner in einer Synagoge im dritten Bezirk. Der weitgereiste Mann lebte zuvor lange in Belgien. Jeden Tag gegen 18 Uhr besucht der Rabbiner das Postamt 1010 Wien am Fleischmarkt, um ein Fax nach Belgien zu schicken. Normalerweise kostet das etwa 15 Schilling. Am 13. April war alles anders. "So etwas", flüstert der Rabbiner, "habe ich noch nie erlebt": Der Beamte verlangte für 29 Sekunden Übertragungszeit 61 Schilling. Der Rabbiner wundert sich und versucht, den Irrtum aufzuklären. Dabei hat er die Rechnung ohne den Postler am Faxschalter gemacht: "Du Scheiß-Jude! Zahl das! Scheiß-Jude!", schreit er dem Mann dreimal vor allen Kunden entgegen und zerreißt die Faxbestätigung. Die Kunden am Postamt schreiten nicht ein. Nur ein Zuschauer wird aufmerksam. Der Leiter des Postamts wird herbeigeholt: Auch er weist seinen Beamten nicht zurecht. Mehrmals fordert er den Rabbi auf, "endlich von hier zu verschwinden". Der Belgier weigert sich und verständigt die Polizei, um Anzeige wegen rassistischer Diskriminierung zu erstatten. Die Polizisten nehmen die Anzeige nicht schriftlich zu Protokoll. Bei der Generaldirektion der Post ist man - vom Falter über den Vorfall informiert - entsetzt: "Ein absolut untolerierbares Verhalten. Wir haben den Beamten vom Schalter abgezogen und werden uns beim Rabbiner in aller Form entschuldigen", verspricht Post-Sprecherin Birgit Drapela. Mit dem Leiter des größten Wiener Postamts werde es ein ernsthaftes und klärendes Gespräch geben. Vielleicht spricht man auch über den Tag nach dem Vorfall. Es ist der Holocaust-Gedenktag.

Recht braucht Kolumne. Schreiben Sie an "Falter, Bedient", Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien, Fax 536 60-12, E-Mail: klenk@vienna.at


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