Recht aufs Fleisch

Kommentar: Der Tod von Marcus O. zeigt: Staatliche Strafgewalt kann sich vom Zusatz körperlichen Schmerzes nicht lösen.

Politik | Alfred J.Noll | aus FALTER 19/99 vom 12.05.1999

Die Emotionen gehen hoch, wenn ein "Schübling" durch staatlich besoldete Reisebegleiter zu Tode gebracht wird. Über Trauer und Scham hinaus zeigt sich ein Phänomen, das gerne verdrängt wird: Auch der bürgerliche Rechtsstaat mit seinen Verheißungen von Menschenrecht und Gesetzlichkeit kommt nicht umhin, körperlichen Zwang anzuwenden. Ungehorsam wird mit Schmerz vergolten.

Diese Einsicht widerspricht der Mär von der abnehmenden Rolle der Gewalt in den gesellschaftlichen Verhältnissen der Moderne. Zwar wird der Verstoß gegen staatliche Vorschriften heute nicht durch Verstümmeln und Abtrennen verschiedener Gliedmaßen geahndet, sondern durch den staatlich verordneten Verlust von Eigentum und den Entzug von Rechten, etwa jenen auf Freiheit und Familie. Aber auch heute läßt sich die Strafe kaum vom Zusatz körperlichen Schmerzes loslösen.

Manifeste Gewalt wurde zwar weitestgehend ersetzt durch den "stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse" (Karl Marx), bleibt jedoch bei jeder


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