Streifenweise

Kultur | Isabella Reicher | aus FALTER 21/99 vom 26.05.1999

Es regnet, obwohl die Sonne scheinen sollte. Und im Kino schneit es auch mitunter. Der müde Augenaufschlag der Schneekönigin wird rhythmisch montiert, und die kalte Herrscherin verfängt sich in ihren Spiegelbildern. Roman Anikusin produziert Visuals für Moskauer Techno-Veranstaltungen, für "Schneekönigin" hat er einige wenige Einstellungen aus einem Zeichentrickfilm verarbeitet. Ein schönes, filmmusikalisches Stück, das sich in einem überraschenden Wechsel der Achsen und Ebenen auflöst. Unter dem Titel "Paralleles Kino" hat man im Schikaneder-Kino drei russische Filmnächte anberaumt. Das stattliche Programm besteht aus - abseits der staatlichen Filmproduktion entstandenen - experimentellen Kurzfilmen, Werbespots und Musikvideos, TV-Sendungen, Dokumentationen und Animationen, vornehmlich aus den neunziger Jahren. Die Filmemacher, Einzelpersonen und verschiedene Kollektive (Agentur "Blaue Suppe", "Für anonyme Gratiskunst" u.a.), arbeiten auf 16mm und Video, mit Found Footage oder zumindest mit Zitaten und Verweisen auf die sowjetische Filmgeschichte. Reichlich Schnee gibt es auch im einzigen Beitrag aus den achtziger Jahren: "Holzfäller" stammt von Evgenij Jufit, laut (lesenswertem) Katalog der "Begründer des Nekrorealismus". Darin sieht man unter anderem junge Männer bei engagierten, "bewußtseinserweiternden" Balgereien unter freiem Himmel - erhabene aktionistische Parallelkultur. Eine ebenso interessante wie lehrreiche Exkursion (28. bis 30.5., 20 Uhr).

Im Cinestudio der HTU kann man am Donnerstag (27.5., 19 Uhr) Chris Markers "Level 5" sehen. Ein Essayfilm, der die Aufzeichnungen einer Frau an ihren verstorbenen Lebensgefährten mit den Ebenen eines (fiktiven) Videospiels verknüpft, das die historische Schlacht um Okinawa aufarbeitet. Anschließend (21.15 Uhr) referiert Thomas Tode im Depot zum Film.


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