Unkraut im Paradiesgarten

Zeitgeschichte: Die letzten Bände von Victor Klemperers voluminösem Tagebuch zeigen einen ehrgeizigen Gelehrten, der sich, entgegen der eigenen Überzeugung, mit dem kleineren Übel des DDR-Regimes arrangiert.

Walter Schübler | Kultur | aus FALTER 21/99 vom 26.05.1999

Am 10. Juni 1945, einem Sonntag, treffen die Klemperers nach 15tägiger erschöpfender Reise von München aus wieder in Dresden ein. Nach dem verheerenden Bombardement der Stadt am 13. Februar war Victor Klemperer (63) und seiner Frau Eva (62) die Flucht aus dem "Judenhaus" in der Zeughausstraße geglückt, und es hatte sie nach Bayern verschlagen. Die folgende Tagebucheintragung sollte die "Wendung zum Märchen" markieren: "Am späteren Nachmittag stiegen wir nach Dölzschen hinauf" (zu ihrem kleinen, unzerstört gebliebenen Haus, aus dem sie 1940 vertrieben worden waren).

Fünf Wochen später hat Ernüchterung Platz gegriffen: "Ich muß mir ein bisschen oft sagen: du bist jetzt im Paradiese, verglichen mit dem vergangenen Zustand. (...) es wächst ein bisschen allzuviel Unkraut im Paradiesgarten." Das Drängen der "Gewußthabenichtse" - wie Klemperer die NS-Parteigenossen nennt, die sich reihenweise bei ihm, dem Verfolgten, um "Unbedenklichkeitsbescheinigungen" anstellen - auf "Normalisierung"

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