Tier der Woche: Chefsache

"Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen, und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen." Schillerzitate auch im Goethe-Jahr

Stadtleben | Peter Iwaniewicz: peter.iwaniewicz@blackbox.at | aus FALTER 21/99 vom 26.05.1999

Es ist mit dieser Wurst wie mit Goethe", zitierte die Bild-Zeitung den Weimarer Intendanten Bernd Kauffmann. "Beschäftigt man sich zu oft mit beiden, dann läßt die Faszination etwas nach." Anlaß zu diesem seltsamen Vergleich gaben jene Bratwürste, für die sich das Bundesland Thüringen rühmt, berühmt zu sein, und deren deftige Düfte auch durch die diversen Spielstätten der europäischen Kulturhauptstadt zogen. Das fand Herr Kauffmann nicht so dufte, und er erließ ein Grillverbot, was wiederum dem Oberbürgermeister nicht schnuppe war. Jetzt eskaliert der Streit.

Der Profanisierung der wahren Kunst mußte bereits Goethe höchstselbst entgegentreten. Das romantische Drama "Der Hund von Aubry oder der Wald von Bondy" war dem Dichterfürsten quasi seine Wurst im Aug. Nicht so sehr wegen der simplen Handlung oder dem unentschlossenen Titel, sondern weil ihm einer der Darsteller zu inhuman war: Nero, ein Pudel, spielte jene Dogge, die im Wald von Bondy den Mörder ihres Herrn Aubry stellte, kämpfte und rächte.

Toller Plot, gute Stunts, schnelle Action, kurzum ein Publikumserfolg. Aber Goethe konnte eben Hunde partout nicht leiden und hatte deswegen ein Theatergesetz erlassen, das die Anwesenheit von Hunden im Schauspielhaus strikt untersagte. Hundefreunde intervenierten beim Großherzog Carl-August, und dieser genehmigte die Aufführung. Goethe war empört und kündigte seinen Rücktritt als Theaterdirektor an, falls ein Hund ihm seinen Gral vergrault. Der Herzog, selbst Mitglied in der weltweiten Bruderschaft der Hundefreunde, nahm die Kündigung an. Johann Wolfgang reiste ab, während Pudel und Schauspiel noch 15 Jahre von Stadt zu Stadt tourten.

Da die bundesdeutsche Bruderschaft der Fleischfreunde pro Jahr 30,3 Kilogramm Fleischwaren pro Kopf verzehrt, wovon 45 Prozent auf Brühwurst, 28 Prozent auf Rohwurst und Schinken sowie 27 Prozent auf Kochwurst, Speck und frische Bratwurst entfallen, ist anzunehmen, daß auch dieses Mal ein Weimarer Theaterdirektor den kürzeren ziehen wird.


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