Standpunkt: Blauer Dunst

Politik | aus FALTER 22/99 vom 02.06.1999

Es gibt wieder Gespenster. Je näher der erste Wahltag rückt, desto heftiger wird die Gerüchtebörse genährt. In den Schreibstuben der Löwelstraße wird das Jahr 1995 rezykliert. Kein Tag vergeht, an dem nicht ein Abgeordneter, Klubobmann oder Minister die schwarz-blaue Koalitionskeule schwingen darf. Und in der ÖVP hat ein Minister "familien- und gesellschaftspolitisch" mit der FPÖ plötzlich mehr gemein, als ihm vier Jahre lang lieb war. Kein Spin-Doctor läßt mehr die Gelegenheit aus, seinem Gegenüber die drohende "Gefahr", "Möglichkeit", "Chance" - je nach Sicht der Dinge und vermuteter Meinung des Journalisten - eines "Wechsels" darzustellen. Was der ÖVP-Seite die Koketterie mit dem Verbotenen, ist der SPÖ der warnende Zeigefinger vor dem immer schon Befürchteten. Der blau-schwarze Dunst im Blätterwald macht beiden Seiten Freude. Der Gedanke "Ein letztes Mal noch SPÖ" ist in der linken Hälfte des Wählerspektrums ebenso verfestigt wie "Endlich setzt die ÖVP doch auf den Bürgerblock" in der rechten. Kurz: Das strategische Interesse an einer Neuauflage der Diskussion um Schwarz-Blau, ähnlich wie im letzten Nationalratswahlkampf, gibt es auf beiden Seiten der Koalition. Mit Anbiederung und Weltuntergangsstimmung darf weiterhin gerechnet werden. P.V.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige