Tigerpark: Der kleine Volksgarten

Stadtleben | Florian Klenk | aus FALTER 23/99 vom 09.06.1999

Seit kurzem scheppert er jeden Morgen. Jeden Morgen! Unter meinem Schlafzimmerfenster. Da lädt er seine Kabel, Blechplatten und Metallteile unter lautem Gepolter ab. Der schwarze Mann. Der Drahtzieher. Ich mag ihn trotzdem. Kurz nach acht, wenn die Fratzen der benachbarten Schule heimlich ihre Zigaretten im Park geraucht haben, kommt der grimmig dreinschauende Serbe mit seinem Handwagen und schüttet Hunderte Kabel und Drähte auf die Parkbank.

Dann beginnt sein Tagwerk. Er befestigt eines der meterlangen Kabel am Zaun und zieht es mit einem kräftigen Ruck gerade. Er schneidet die Isolierung ein und schält das Kupfer heraus. Das geht den ganzen Tag. Seit Monaten. Seit 1995. Seit es den Tigerpark gibt. Der Mann, der kein Wort Deutsch spricht, sammelt in den Mülltonnen der Nachbarbezirke alte Drähte und Schrott, um diese, sortiert und gesäubert, zum Kilopreis zu verkaufen. Früher schuftete er in einem jugoslawischen Kohlebergwerk. Sein Körper, so erzählt man sich, sei deshalb so schwarz.


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