Standpunkt: Rote Ignoranz

Politik | aus FALTER 25/99 vom 23.06.1999

Eigentlich wäre es das gewesen, was der Volksmund eine "gmahde Wies'n" nennt: Die SPÖ hätte letzten Samstag nur jemanden auf den Karlsplatz schicken müssen, der sagt, man wolle ja, aber der Koalitionspartner lege sich - leider, leider - quer: In Sachen Menschenrechte für Homosexuelle in Österreich müsse man eben darauf setzen, daß über Druck aus dem Europaparlament ... und so weiter. Damit hätte die SPÖ auf der Regenbogenparade zwar keinen Wähler gewonnen, sich aber zumindest nicht als homosexuellen Anliegen gegenüber völlig ignorant präsentiert. Denn verheerender als die Nichtperformance der Sozialdemokraten auf der Schwulen-Demo kann nicht einmal die ÖVP diese Klientel umwerben: Der Kanzler ließ ausrichten, er weile in Schwechat bei der Familie, der Weg nach Wien sei zu weit. Später wurden daraus "andere Termine". Auch sonst sei niemand verfügbar. Hatte vor dem Parlament Hannes Swoboda noch die Ehre der Sozialdemokraten in ampelkoalitionärer Eintracht verteidigt, standen bei der Abschlußkundgebung am Karlsplatz schließlich die Chefs von Grün und Liberal ohne rote Konkurrenz vor einem Auditorium von angeblich 100.000 Köpfen. Und so manchem Genossen in der Menge war die Betroffenheit darüber ins Gesicht geschrieben. Scheinbar ist noch nicht für alle Wahlkampf. T.R.


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