Streifenweise

Kultur | Isabella Reicher | aus FALTER 25/99 vom 23.06.1999

Wie ein Kind im dunklen Keller: Laura (Jane Horrocks) alias "LV" oder "Little Voice" singt gegen die Verzweiflung, den Ärger und die Einsamkeit. Sie singt die Plattensammlung ihres verstorbenen Vaters - die großen populärmusikalischen Diven von Judy Garland über Marlene Dietrich bis Shirley Bassey - täuschend ähnlich nach. Laura singt zu Hause in ihrem Zimmer, das Singen ist ein Automatismus, eine Überlebensstrategie im leicht desolaten Mutter-Tochter-Haushalt, in dem eines Tages der ebenfalls schon etwas ramponierte Musikagent Ray Say (Michael Caine) auftaucht und eine letzte Chance fürs große Geschäft wittert. LV läßt sich zunächst mit einem Trick zum Auftritt bewegen, ihr "Talent" findet Anklang, dann gerät alles aus dem Lot - und zugleich erprobt LV endlich eine eigene Stimme.

Jane Horrocks singt sich - wie schon in der Bühnenfassung "The Rise and Fall of Little Voice" - auch im Film mit Bravour durchs Repertoire. Trotzdem sind ihre perfekten Stimmimitationen und der daraus folgende "Playback"-Eindruck seltsam irritierend. Gemäß der Logik des Films kommt ihnen nämlich die Funktion zu, die Befindlichkeit der Heldin zu neutralisieren - und damit fehlt ihnen die emphatische, melodramatische Wirkkraft der "Originale". Die in dieser Hinsicht herausragende Performance des Films gehört denn auch Michael Caine, der ein verzweifelt lebensechtes "It's over" von der Bühne schreit, nachdem sein großer Coup geplatzt ist. Auch Brenda Blethyn - als Lauras Mutter Mari - verausgabt sich phänomenal, und Ewan McGregor hält sich ebenso phänomenal zurück. Regisseur Mark Herman, vor drei Jahren schon für das Blaskapellendrama "Brassed Off" verantwortlich, stellt mit seiner Version von filmischem "Sozialrealismus" ein populäres, aber trotzdem ernstzunehmendes Pendant zu den Autorenfilmern Ken Loach oder Mike Leigh dar.


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