Stadtrand: Mann im Mond

Stadtleben | aus FALTER 26/99 vom 30.06.1999

Kaum brüllte der Löwe aus dem Kalender, wußten die Kinder, deren Haupthaar noch Großmütter schoren, was es geschlagen hatte. Flugs war der kratzende Frisiermantel um den Nacken gezurrt und der Nackenrasierer zum Schnurren gebracht, denn es war ein gutes, hartes Zeichen. Da half kein Maulen und Wehklagen über den Traum der Langhaarpracht, von der man wieder gewaltsam ein paar Zentimeter getrennt wurde. Schließlich hatten die Tierkreiszeichen die Macht über Spliß und Lockenpracht.

Jahre später und weit davon entfernt, zu Gerda Rogers Bekehrten zu zählen, hat meine Bewunderung für den Einfluß stellarer Konstellationen auf Scheitelbreite und Schuppenbefall kürzlich wieder einen Höhepunkt erreicht. Der akute Wunsch nach einem anderen Gegenüber im Spiegel trieb mich auf die Suche nach einem auf Zuruf scherenzückenden Coiffeur. Doch aus ausgewählten Haarkunsttempeln hallte mir nur indigniertes "Bitte warten" entgegen. Ohne Reservierung? Wo denken Sie hin? Mitten in einer günstigen Mondphase! Ergeben strich ich mir den schütteren Schnittlauch aus dem Gesicht und wartete auf schlechtere Zeichen. Der Mann im Mond grinste frech darüber. Dem kann es ja egal sein. Der trägt seit Jahren Glatze. P.V.


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