Abschied vom Eismann

Nachruf Vergangene Woche verstarb Wiens Eislegende Kurt Tichy. Er hat mit seinen Eiskreationen den Geschmack und das Eisbewußtsein einer ganzen Stadt geprägt.

Stadtleben | Thomas Rottenberg | aus FALTER 26/99 vom 30.06.1999

Luigiano Zanoni hat alles verändert. Bevor Zanoni am Lugeck seinen Salon eröffnete, war das Leben einfach und das Jahr in zwei Perioden geteilt. In die mit und die ohne Eis. Der Tichy gab den Takt vor. Und wenn es im März 28 Grad hatte: Tichy hatte zu, es gab kein Eis. So einfach war das. Damals. Bevor Zanoni Österreich vorexerzierte, daß ein grenzenloses Europa auch regel- und damit rückhaltlos ist: Zanoni verkauft das ganze Jahr über Eis. Ganze Generationen von Eltern werden ihm nie verzeihen, daß er ihr Eis-Erziehungsgebäude zum Einsturz gebracht hat.

Seit Sonntag vergangener Woche können sich Eltern bei der "Warum gibt es im Winter kein Eis?"-Predigt nicht einmal mehr auf den Herrn Kommerzialrat vom Reumannplatz als letzte Eisinstanz berufen. Zumindest nicht in der Gegenwart. "Der Tichy weiß schon, wann Eiszeit ist", gilt nicht mehr. Denn Kurt Tichy ist tot. Vergangene Woche, in der Nacht von Samstag auf Sonntag, starb der 72jährige Eisbaron von Wien überraschend an Herzversagen.


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