Nüchtern betrachtet: The Making of My Stiftzahn

Kultur | aus FALTER 28/99 vom 14.07.1999

Zu Ostern habe ich in ein Brot gebissen. Kommt öfter vor, nur: Diesmal war ein Stein drin. Scheiß-Bäcker, soll seine Steine in Zimtschnecken reinbacken, aber nicht in mein Brot, denk' ich und beiß' wieder auf was, spuck's aus, und da ist es dem Bäcker sein Zahn. Jetzt wird's ekelhaft. Da durchfährt es mich wie ein Eierschneider, ich renne zum Spiegel, blecke die Zähne, und da fehlt links oben am Vierer der halbe Zahn. Wie schön, denk' ich jetzt, wenn's doch dem Bäcker sein Zahn gewesen wär. Ekel vergeht. Ich gehöre nicht zu denen, die gleich alle halbe Jahre zum Zahnarzt rennen müssen. Jetzt muß ich. Er wird mir mit dem Stemmeisen die Zahnreste aus dem Kiefer brechen, ein Blutschwall wird die schöne weiße Ordination versauen, mir wird ein Viertelkilo Gold eingesetzt, und ich muß mein Kind verkaufen. Weil die Wurzel aber noch ganz ist, wird's dann doch nur ein Stiftzahn. Den Zahn aber stiften die Götter, und es dauert, bis zahnvoll lächelt des Menschen Mund, viele Zahnarztbesuche,


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