Stadtrand: 10 Minuten

Stadtleben | aus FALTER 28/99 vom 14.07.1999

Herr Doktor Brettschneider will, daß ich mir zehn Minuten meiner Zukunft schenke. Ich soll mir als Gegenleistung nicht meine Seele verkaufen, sondern seinen "Uniqa"-Fragebogen ausfüllen. "Davon können Sie nur profitieren", findet er. "Und darüber hinaus auch ein wichtiges Zeichen für mehr Optimismus im Leben setzen." Mit einem Fragebogen? Mit 21 Fragen a la "Welche Jahre sind Ihrer Meinung nach die schönsten Jahre des Lebens?" oder "Wenn Sie Pläne machen, welche Zeitspanne haben Sie da meistens im Kopf?" oder "Und wenn Sie an die Umwelt, an das Universum denken, in dem Sie leben, welche Wünsche haben Sie da?" Weniger Fragebögen?

Herr Doktor Brettschneider will mit meiner Hilfe in die Zukunft blicken und ein Buch herausbringen, in dem ich dann nachlesen kann, was für Wünsche die anderen Österreicher an das Universum haben. Es könnte mich wohl kaum etwas mehr interessieren. "Boa, 35,4 Prozent haben bei ,Wie würden Sie Ihre Vergangenheit beschreiben?' auch das mittlere Smiley angekreuzt!"

Wenn wir (mindestens) zehntausend Österreicher Herrn Brettschneider je zehn Minuten schenken (was wir ja de facto tun), fehlen uns insgesamt hunderttausend Minuten unserer Zukunft. Wenn Sie auf Ihre zehn Minuten keinen Wert legen, schenken Sie sie mir - ich kann sie brauchen. S. N.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige