Bedient: Zwei sehen rot

Politik | Florian Klenk | aus FALTER 29/99 vom 21.07.1999

Josefstädter Straße. Früher Abend, rote Ampel. Radfahrer rollt in eine Kreuzung ein. Es kommt nichts. Auf der anderen Straßenseite beobachtet ihn ein Polizist. Blickkontakt. Radfahrer bremst gerade noch rechtzeitig. Die Ampel wird grün. Radfahrer fährt weiter und pfeift ein Liedchen. Polizist hält ihn auf: "So a Pech. Macht fünfhundert Schilling." Radfahrer: "Warum? Ich bin eh stehengeblieben." Polizist: "Sie haben den Verkehr behindert." Radfahrer: "Stimmt gar nicht. Es war kein Auto da." Polizist: "Zahlen S' gleich, oder wollen Sie in der Anzeige lesen, daß Sie den Verkehr behindert haben?" Radfahrer: "Ich will eine Anzeige." Polizist: "Ausweis!" Radfahrer übergibt Führerschein. Polizist: "Beruf?" Radfahrer: "Jurist." Polizist: "San Sie überhaupt a Magister?" Radfahrer: "Ja." Polizist: "Warum steht des net im Ausweis." Radfahrer: "Weil das Führen eines Titels Recht, aber nicht Pflicht ist." Polizist: "Dann brauch' ich nicht Magister sagen." Radfahrer: "Doch, es ist mein Recht." Rote Gesichter bei beiden. Halsschlagadern treten hervor. Polizist: "Meldeadresse?" Radfahrer: "Brauch' ich Ihnen nicht zu sagen. Finden Sie im Melderegister." Polizist: "Dann sind Sie festgenommen!" Radfahrer: "Sie dürfen mich nur festnehmen, wenn meine Identität nicht geklärt ist. Die Adresse ist nicht Bestandteil der Identität." Polizist: "Is' Wurscht. Wollen S' Handschellen?" Radfahrer: "Können wir jetzt aufhören? Sie haben gewonnen. Ich bezahl' die fünfhundert." Polizist: "Is' guat." Radfahrer: "Die Festnahme war rechtswidrig." Polizist: "Was ich in die Anzeige schreib' und was wirklich geschieht, sind zwei Paar Schuhe. Verstanden?" Ja. Verstanden.

Recht braucht Kolumne. Schreiben Sie an "Falter, Bedient", Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien, Fax 536!60-12, E-Mail: klenk@vienna.at.


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