Stadtrand: Taubi Soda

Stadtleben | aus FALTER 32/99 vom 11.08.1999

Letzte Woche hat uns eine Taube heimgesucht. Zum Fenster kam sie hereingeflattert, um uns beim Kaffeetrinken zuzusehen. Dann inspizierte sie die Wohnung und fühlte sich im Schlafzimmer unterm Bett am wohlsten. War die erste Reaktion "Igitt, eine Taube!", schlug die Abneigung bald in zärtliche Zuneigung um. Es stellte sich nämlich heraus, dass unser Gast keine räudige (sagt man so bei Vögeln?) Straßen-, sondern eine bildhübsche, registrierte Brieftaube war. Prompt bekam der Vogel einen Namen (Taubi Soda) und etwas zu trinken. Taubi ließ sich streicheln wie ein Hündchen und gurrte freundlich zurück, wenn sie angesprochen wurde. Dann war es an der Zeit, unseren Gast auf die Reise zu schicken. Behände setzten wir Taubi aufs Fensterbrett, von wo aus sie uns noch eine Weile beobachtete. Dann flog sie davon. Dass sie nicht weit kam, merkten wir am nächsten Morgen, als sie uns im Stiegenhaus entgegengurrte. Nach kurzer Wartezeit in einem Karton wurde Taubi von der Tierrettung abgeholt. Ein riesiger Rettungswagen brachte den kleinen Vogel ins Tierschutzhaus, und böse Zungen behaupten, dass man ihn dort den Hunden zum Fraß vorwarf. Wir rennen jetzt bei jedem Flattern aufgeregt ans Fenster, in der Hoffnung, dass unser Vogel zurückgekehrt ist. Vergebens. Machs gut, kleine Taube. Wir werden dich wohl nie wiedersehen. C. W.

Portiere Imed K., Hotel Hilton, Wien 3: "Ich bin der erste und der letzte"


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