Standpunkt: Die Semmelfrage

Politik | aus FALTER 33/99 vom 18.08.1999

Gut, jetzt ist also auch der Jörg Haider Retter und Bewahrer des heiligen Sonntags geworden. Er steht damit Seite an Seite mit Gewerkschaftern und Kirche, während weite Kreise des Handels sowie - ausgerechnet - der vor wenigen Jahren noch gegen Sozialabbau demonstrierenden, heute wohl lebenden Bildungs-Youngsters am Sonntag frische Semmeln wollen. Schön. Aber überraschend? Kaum. Aufschlussreicher und interessanter als die Antwort auf die Gretchenfrage, wer den Feiertag nun heiligt und wer nicht, ist in Wirklichkeit das Licht, das die Debatte auf die Verschiebung der gesellschaftlichen Konfliktlinien wirft. Nicht nur in der Sonntagsfrage, aber gerade hier werden Bruchlinien besonders deutlich sichtbar. Längst heißt es nicht mehr Arbeitnehmer gegen Arbeitgeber, sondern Alt gegen Jung, Land gegen Stadt, Alleinerzieher/-innen gegen Singles: die neuen, flexiblen Hedonisten gegen diejenigen, die immer noch in "klassischen" Arbeits- und Familienverhältnissen leben (können). Dass das neue Gesellschaftsbild für Medien und Marketing viel interessanter ist, macht es den Traditionalisten und Bewahrern nicht leichter, ihre Message durchzubringen. Dass Solidarität längst kein Begriff des Alltags mehr ist - ebenso. Und außerdem: Frische Semmeln am Sonntag sind einfach ein gutes Argument. T. R.


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