Spielplan

Kultur | W.Kralicek / C.Fastner | aus FALTER 34/99 vom 25.08.1999

Der polnische Autor Witold Gombrowicz (1904-1969) machte in seinem letzten Stück "Operette" vor, was Christoph Marthaler voriges Jahr in seiner Inszenierung "Pariser Leben" kongenial umgesetzt hat: die Dekonstruktion eines Genres mit dessen eigenen Mitteln. Ein Graf namens Charme will ein einfaches Mädchen namens Albertinchen verführen - diese aber möchte sich von ihrem Kavalier keineswegs ein- und also verkleiden, sondern nur entkleiden lassen: ein kleiner Verstoß gegen die Regeln, der in Revolution und Chaos mündet. Im dietheater Künstlerhaus, wo Martin Gruber die Farce mit seinem Aktionstheater Ensemble unter dem Titel "Operette. Apokalypse" inszeniert hat, gibt es ein paar ziemlich witzige Schauspieler und eine nicht nur ziemlich nackte, sondern auch ziemlich gute Schauspielerin (Sigrid Reisenberger als Albertinchen) zu sehen. Der kranke Humor dieser "Operette" kommt stellenweise schön zum Ausdruck, die Kurve zur "Apokalypse" aber kriegt Gruber dann doch nicht ganz: Spätsommertheater mit Niveau.

Natürlich hallt es im Semper-Depot viel zu stark, als dass man Musik differenziert hören könnte. Und natürlich schafft es auch die freie Operngruppe NetZZeit nicht, dieses Problem bei Ernst Kreneks zwölftönig organisiertem, packendem Einakter "Der Glockenturm" zu lösen. Dennoch macht die Wahl des Ortes Sinn: Zu überzeugend gelang es Bühnenbildnerin Nora Scheidl, den hohen Raum in eine Glockenstube zu verwandeln. Auf ihrer grob gehobelten Bretterschräge, durch deren Ritzen dramatisch Licht und Nebelschwaden dringen, läßt Regisseur Michael Scheidl Kreneks expressionistisch grob geschnitzte Charaktere agieren, harsch begleitet vom Orchester Musica Viva unter Alexander Drcar. Vor allem Anna Maria Pammer als Una kommt trotz der holprigen Unterlage glänzend zurecht und besteht souverän einen akrobatischen Liebesakt mit dem anmaßenden Glockengießer Bannadonna (Andrew Murphy). Nur den Grund für Unas Leidenschaft kann der darstellerisch blasse Bassbariton nicht vermitteln.


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