Von Reich zu Ranicki

Literatur: Die Autobiografie von Kritikerstar Marcel Reich-Ranicki ist die Geschichte einer durch und durch literarischen Existenz und die Geschichte einer Karriere im Land der Täter.

Kultur | Kirstin Breitenfellner | aus FALTER 34/99 vom 25.08.1999

Das Schnitzel war hervorragend", sagte der Gast aus Polen, und es entstand eine peinliche Stille - tatsächlich hatte es Kotelett gegeben. Gastgeber Siegfried Lenz fand diesen Fauxpas - bei einem Gespräch über Kafka! - nur allzu verzeihlich. Was Lenz nicht wusste: Dem jungen Literaturkritiker Marcel Ranicki hatten viel elementarere Sorgen die Sicht aufs Essen verstellt.

"Solange solche Menschen wie Siegfried Lenz in diesem Lande leben", hatte er bei jenem Mittagessen während seiner ersten Reise nach Westdeutschland im Dezember 1957 gedacht, "kann ich es wagen, ohne einen Pfennig Geld in der Tasche herzukommen." Im Sommer 1958 kam er in Frankfurt am Main an; mittellos, aber mit einem unsichtbaren Schatz im Gepäck: einer großen Liebe zur deutschen Literatur - und einem untrüglichen Urteil über ihre Stärken und Schwächen.

Binnen zwei Jahren hatte sich Marcel Reich-Ranicki - wie er sich, ergänzt um seinen Geburtsnamen, fortan nannte - über FAZ, Welt, den Rundfunk und die Zeit zu den


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