Das Pinochet-Syndrom

Kommentar Diktatoren können nicht mehr sorglos reisen. Die Globalisierung der Moral schreitet freilich nicht überall im gleichen Maß voran.

Vorwort | Raimund Löw | aus FALTER 35/99 vom 01.09.1999

An ein Szenario von George Orwell erinnert den serbischen Politikwissenschaftler Aleksa Djilas die spektakuläre Verhaftung des Generalstabschefs der bosnischen Serben, Momir Talic, in Wien. "Unschuldige gibt es wenige in der Region, klar", argumentiert der Sohn Milovan Djilas', des einstigen großen Gegenspielers Titos. "Aber eine Verhaftung, nachdem der Mann zu einem Versöhnungstreffen nach Wien geladen war, und das auf der Basis einer geheimen Liste: Das kann sonst kein Gericht in der Welt veranlassen."

Klar: Das UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag steht für die quasi-diktatorische Herrschaft des Westens über Bosnien, dessen Eingreifen vor vier Jahren den Krieg auch beendet hat. Insofern ist es Siegerjustiz. Bei vielen der bisher 34 mutmaßlichen oder verurteilten Kriegsverbrecher, die auf Anweisung der Haager Richter bisher verhaftet wurden, war das nur dank der ominösen geheimen Liste möglich. Das Tribunal hat jedoch auch Kroaten und Bosnier angeklagt. Und niemand kann leugnen,


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