Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 37/99 vom 15.09.1999

... erschien ein Nachruf auf den am 29.7.1979 verstorbenen Philosophen und Vertreter der Frankfurter Schule, Herbert Marcuse, verfasst von Burghart Schmidt.

Wenn man in den letzten Jahren von ihm hörte, so waren es vor allem die Vertreter von Law and Order, die ihn der Vaterschaft am Terrorismus anklagten. In einem seiner späten Interviews, das nun die Nachrufe durchzog, hat Marcuse diese Anklage ad absurdum geführt. Er unterschied darin zwischen der Gewalt etwa demonstrierender oder streikender Massen und auf der anderen Seite der Gewalt von Einzelnen, allenfalls militärisch organisiert in kleinen Gruppen, die glauben, Geschichte machen zu können. Das war nun kein angstvoller Rücksprung eines Zauberlehrlings, der die Geister loswerden will, die er rief. Schon 1967, als innerhalb der Studentenbewegung Terrorismus kein Thema war, rechtfertigte Marcuse in einem Berliner Vortrag Gewalt nur aus höchstens politischen Grundrechten und auch da ging es ihm um die Verteidigungsposition. Wo direkt oder indirekt gewaltsam die Grundrechte auf Streik, Demonstration und öffentliche Meinungsbildung durch das Interesse von wirtschaftlichen Monopolen, den Machtanspruch von Politikern und die Informationssteuerung der Massenmedien abgeschafft werden sollen, ist Widerstand notwendig, selbst wenn er indirekte Gewalt provoziert, direkt zu werden. Es ging Marcuse um das gesellschaftliche "Widerstandsrecht", dessen Anerkennung gegen den Faschismus den Deutsch Sprechenden zum Glück durch den Ausgang des Zweiten Weltkrieges wenigstens aufgezwungen wurde. "Konfrontationen zu suchen, nur um der Konfrontation willen, ist nicht nur unnötig, es ist verantwortungslos", dieser Marcuse-Satz von 1967 drückt ein Votum aus gegen den Terrorismus, auf den sich ja ohnehin bürgerliche Untergrundunternehmen von der CIA bis zur Mafia besser verstehen als linke Bewegungen.


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