Streifenweise

Kultur | Michael Omasta | aus FALTER 37/99 vom 15.09.1999

Paul Bowles lässt grüßen. In ihrem Erstlingsroman "Hideous Kinky", erschienen 1992, lässt Esther Freud, eine Urenkelin Sigmunds, Erinnerungen an ihre Kindheit, an einen anderthalbjährigen Aufenthalt in Marokko, Revue passieren. Jetzt hat der britische Regisseur Gillies MacKinnon - bei uns vor allem für die Steve-Martin-Komödie "A Simple Twist of Fate" (1993) und den 68er-Film "Small Faces" (1995) bekannt - den Film zum Buch gemacht: Marakkesch. Zentrale Figur ist Julia, eine junge Frau, die Anfang der Siebzigerjahre mit ihren Töchtern Bea und Lucy in der marokkanischen Stadt und ansonsten in Scheidung lebt. Der Film schildert aus kindlicher Perspektive ihre Suche nach spiritueller Wahrheit und parallel dazu ihre Liebesbeziehung mit dem Straßenkünstler Bilal, in dem die beiden Mädchen - für kurze Zeit - einen väterlichen Freund finden.

Zum einen also ist "Hideous Kinky" (so auch der Originaltitel des Films, der im Englischen einen lautmalerischen Singsang, die von Bea und Lucy spielerisch zusammengesetzten, exotischen Worte, bezeichnet) eine schöne, sehr intim gehaltene "Familiengeschichte", zum anderen freilich geht es um Selbstfindung, die Unmöglichkeit des richtigen Lebens im falschen, kulturelle Differenzen (der Film fährt einen Basar nach dem andern ab, und es fallen bemerkenswerte Sätze a la: "This isn't England, Julia!"). Ach, ja: Als Julia kann man Kate Winslet wiedersehen - das macht, nach der Wurzenrolle, die sie in "Titanic" hatte, MacKinnons Film doch noch ganz erfreulich.

Anbei noch ein Kurztipp für den Sonntag: Zum dritten Termin der kleinen, dem filmischen Werk des bildenden Künstlers Richard Serra gewidmeten Matineereihe des Künstlerhauses stehen diese Woche Serras Industriefilm "Steelmill" (1979) und, als Referenzfilm, Dziga Vertovs "Enthusiasmus" (1930) auf dem Programm.


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